Interviews

 

 

Ein Musik- Weltreisender

Gotha. (tlz) Uwe Grodd eröffnet am heutigen Donnerstagabend im Kulturhaus die neue Konzertsaison der Thüringen Philharmonie. Er arbeitet als Flötist und Dirigent in Neuseeland. Die TLZ sprach mit ihm.

 

Herr Grodd, wie kommt ein deutscher Dirigent nach Neuseeland?

Mit dem Flugzeug.

Im Ernst.

Ich habe seit 1983 eine Stelle an der Universität in Auckland inne. Kurz nach meinem Studium bin ich ausgewandert, um die große, weite Welt kennenzulernen.

Was gefällt Ihnen an Neuseeland?

Das Land ist wunderschön, ein sehr guter Lebensstil und wenn man sich verliebt hat, blickt man nicht auf die kleinen Sachen, die werden dann unwichtig.

Sie sind auch Flötist. Zogen Sie als Dirigent oder Flötist in die Fremde?

Ich habe immer beide Seiten gepflegt. Meine Professur ist geteilt zwischen Dirigat, Kammermusik und Flöte. Ich bin musikalischer Leiter des dortigen Universitätsorchesters. Es hat eine Stärke ähnlich der Thüringen Philharmonie.

Was spielen Sie da?

Alles quer Beet. Bei jedem Konzert ist auch ein modernes Stück dabei. Die Programme sind ähnlich wie hier, vielleicht nicht ganz so großartig. Ich bin sehr beeindruckt von dem Programm 2005/06 der Thüringen Philharmonie. Da sind phantastische Werke dabei.

Wie müssen wir uns die Orchester-Landschaft in Neuseeland vorstellen?

Prozentual zur Einwohnerzahl gesehen ist sie ähnlich. Es gibt ein großes Orchester, das New Zealand Sinfonic Orchestra, mit dem ich meine zweite Platte eingespielt haben, unter anderem mit unentdeckten Werken von Hummel. Meine Spezialität.

Wo forschen Sie da?

Hier in Europa. Im Schnitt komme ich drei- bis viermal im Jahr nach Europa.

Sie leben auf der anderen Seite der Erdkugel. Wie entstand der Kontakt nach Gotha?

Alun Francis und ich haben einen gemeinsamen Freund. Der hat veranlasst, dass wir beide mit der Mexico City Philharmonie arbeiten konnten. Dadurch kam die Verbindung zustande. Ich habe gesagt, dass ich die Thüringen Philharmonie sehr gern kennen lernen würde. Weil ich hier noch nicht war.

Geben Sie auch Flötenkonzerte?

Ja. Im Moment hat aber das Dirigieren Vorrang. Ich spiele gern ab und zu im Orchester. Damit man nicht den Bezug verliert, was die Musiker von den Dirigenten ertragen müssen. Das hilft mir sehr im Beruf als Dirigent. Dadurch verstehe ich die Mentalität der Musiker eher als jemand, der nicht spielt.

Welche Beziehung haben Sie zu den Stücken des ersten Konzertes der diesjährigen Philharmonie-Saison?

Die Werk-Empfehlung von Orchester und Alun Francis habe ich sehr gerne angenommen. Die Schumann-Ouvertüre kannte ich vorher nicht.

Beethovens erstes Klavierkonzert und Tschaikowskys erste Sinfonie sind ja fast Standard.

Interessanterweise kenne ich nicht viele Musiker, die die Tschaikowsky-Sinfonie gespielt haben. Man hört sie im Konzertsaal kaum.

Wie waren Ihre ersten Eindrücke von Gotha und der Thüringen Philharmonie?

Mir sagt das unheimlich zu. Die Arbeit ähnelt der in Neuseeland. Es herrscht hier eine freundliche Arbeitsatmosphäre, die es sonst selten gibt.

Thüringische Landeszeitung (www.tlz.de/kultur) 07.09.2005 - Wieland Fischer

 

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Unabhängige Thüringer Tageszeitung 07.09.2005

 

Nicht so quadratisch, fließender - Probenbesuch bei Uwe Grodd und der Thüringen-Philharmonie Gotha-Suhl

"Das ist noch... too square, würde man es auf englisch sagen." Uwe Grodd klopft ab und malt ein kleines Kreuz in die Luft, überlegt kurz. "Zu quadratisch, meine ich, ein bisschen fließender muss das kommen."

Probe zum ersten Konzert der Spielzeit 2005/ 2006 am 7. September in Suhl und am 8. September in Gotha.

 

Auf dem Programm: Robert Schummans Ouvertüre zu "Julius Cäsar", Beethovens 1. Klavierkonzert und das, was hier noch "nicht so richtig fließt", Tschaikowskis 1. Sinfonie g-Moll. Ihr Untertitel "Winterträume" passt ganz und gar nicht zu den derzeitigen subtropischen Temperaturen.

Das Finale beginnt mit einer langsamen Einleitung im Andante lugubre. Das kommt aus dem Spanischen und heißt so viel wie traurig, düster, schwermütig. Der Anfang klingt noch nicht, wie Grodd ihn gern hätte. Wieder Abklopfen. "Sie müssen die B-Klarinette nehmen." Kopfschütteln, Grinsen, Hüsteln rundum. Der ertappte Delinquent errötet, wechselt schnell Mundstück und Instrument.

Foto: Thüringer Allgemeine vom 07.09.2005Kein Wunder bei der Hitze hier. Dabei sind wir im Probenraum und nicht in der Sauna des Best Western. Aber schon beim zweiten Mal werfen sich Klarinetten, Oboen, Fagotte perfekt das Thema zu, dann huscht es zwischen den Holzbläsern auf der einen und den Celli und Bläsern hin und her, ehe es sich im vollen Orchester - Tutti etabliert.

"Es ist meine Lieblingssinfonie von Tschaikowski, eine bezaubernde und kraftvolle Musik", schwärmt Grodd nach der Probe. "Diese offene Leere, diese Verschwommenheit, diesen Nebel und schließlich das... excitement" - der seit über 20 Jahren in Neuseeland lebende Deutsche sucht nach Übersetzung  - "Aufregung oder Erregung, ja?, die schließlich in Auflösung endet. Wunderbar hat er das durch seine Instrumentierung erreicht..."

Tschaikowski steht aber auch für eine innere Zerrissenheit, zwischen nationaler Identität und westlichem Musiziergebaren, Unglücklichsein, nicht wahr? Frage ich. "Natürlich, man kann auch als Musiker kein Chaos beschreiben ohne innere Konflikte, wenn im eigenen Leben alles rosig läuft." In Gotha ist er zum ersten Mal, nicht aber in der ehemaligen DDR. Schon zweimal hat er die Händel-Festspiele in Halle mit seinen Interpretationen von Orchestermusik und des Imeneo bereichert. "Es gefällt mir, wie hier die Musiker eine ganz besondere Arbeitsatmosphäre schaffen, die im Vordergrund steht, nicht so sehr der Job. Das ist eine menschliche Erfahrung, die ich nicht missen möchte."

Grodd, Jahrgang 1958, war Schüler von Sergiu Celibidache (Dirigieren) und Robert Aitken (Flöte/ Komposition) ehe er nach Neuseeland ging. .......

 

....... Als nächstes wird er die beiden Klavierkonzerte des Beethovenschülers Ferdinand Ries (1784-1838) mit dem New Zealand Orchestra und Christopher Hinterhuber (Wien) einspielen. Uwe Grodd ist künstlerischer Leiter des City Symphony Orchestra in Manukau, der mit ca. 380 000 Einwohnern und 50 verschiedenen Ethnien zweitgrößten Stadt der Region Auckland. Dort führt er regelmäßig zeitgenössischen Kompositionen auf: "Man braucht ein riesiges Umfeld, um Genies erkennen zu können. Daher ist es unsere künstlerische Verantwortung als Musiker, Dirigent, Musikmanager u.a. In Ausstellungen ist man da wesentliche toleranter, weil ständig Bilder gezeigt werden. Da stehen bedeutende neben weniger wichtigen. Das Publikum und die Werkgeschichte müssen zeigen, welches das Kunstwerk, welches das Genie. Die genialen Sinfonien Mozarts, Haydns und Beethovens, das sind ca. 150. Aber das sind nur etwa ein Prozent der in dieser Zeit insgesamt geschriebenen Sinfonien. Wenn wir heute Geschriebenes nicht spielen, können wir lange warten, ehe sich aus dem heute geschriebenen etwas Geniales herausschält, es wird nicht geschehen."

Beim Abschied bedanke ich mich artig für das Gespräch. "Ich bedanke mich für das Interesse", sagte der Maestro nobel.

 

"Thüringer Allgemeine" (Renate Parschau)  07.09.2005

 

 

Kritiken

Genussreich in Gotha -  Gotha am 08.09.2005

Nein, "Winterträume" konnten beim Saisonauftakt der Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl nicht aufkommen. Auch nicht Gedanken an "Raues Land, Nebelland", wie Tschaikowsky den zweiten Satz seiner ersten Sinfonie in g-Moll überschrieb.
Im ersten Gothaer Konzert der Spielzeit 2005/2006 erklang dieses sinfonische Werk mit Tiefgang und kompositorischer Meisterschaft - und kühl ging es dabei ganz und gar nicht zu. Denn Uwe Grodd nahm sich dieses Werkes mit so viel Kraft und Aufmerksamkeit an, spürte den Impulsen der Komposition nach, den großen Emotionen, die den Schöpfer wohl getrieben haben. Zeigte die ganze Bandbreite des Gefühls, die Tschaikowsky hinein gelegt hatte: russische Seele bis zum Abwinken, dann wieder Militärmusik bis zum Überdruss.

Aber immer wieder hatte der Komponist eine überraschende Wendung parat, fing die Stimmung ab, schuf neue Gedankenansätze. Die hat Grodd wunderbar erkannt und dem Orchester feinste Nuancen entlockt. Tschaikowsky vom Feinsten.
Weitere Höhepunkte des Konzerts waren Robert Schumanns hochdramatisch aufbereitete Ouvertüre zu "Julius Cäsar" sowie Gerlint Böttcher mit Beethovens 1. Klavierkonzert. Perfekte Technik, virtuoses Können. Vielleicht ist Annerose Schmidt ihr am ehesten vergleichbar. Mit Perfektion und Klugheit, aber eben auch der gleichen inneren Distanz und Kühle.
Den Genuss konnte die Künstlerin durch die Zugabe mit Liszts "Gnomenreigen" bestätigen.

"Thüringer Allgemeine" Feuilleton (Renate Parschau)  09.09.2005 

Sommer-Wintertraum mit Aprikosenduft - Suhl am 07.09.2005

"... ... , entlockte Grodd den für Tschaikowsky typischen dunklen Streichern und elegischen Hörnern einen so durchsichtigen Klang, dass die schwermütige Grundstimmung eher leichtfüßig und trotzdem spannungsreich daherkam. So konnten die Suhler Musiker ihre Stärke bei dynamisch-ausladenden Stücken der Romantik ausspielen, die sie sooft bewiesen haben. Die leisen Ausklänge im zweiten und dritten Satz, die präzisen Bläser, der entfesselte Ausbruch im letzten Satz hielten das Publikum spürbar in Atem. Langer Applaus für Grodd, der im Dirigat mühelos zwischen fast tänzelnder Leichtigkeit und innigster Anspannung wechselte. ... "   ..... den ganzen Artikel 

"Freies Wort" Feuilleton 09.09.2005